Pflegegrad 4 bedeutet schwerste Beeinträchtigungen

Kurz und Knapp

  1. Der Pflegegrad 4 ist seit Januar 2017 der zweithöchste Pflegegrad im neuen Pflegesystem.
  2. Personen mit „schwersten Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit“ können einen Pflegegrad 4 zugesprochen bekommen.
  3. Gemäß des neuen Begutachtungssystems wird der Pflegegrad bei einer Punktzahl zwischen 70 und 90 erteilt.
  4. Leistungen wie Pflegegeld, Pflegesachleistungen oder der Entlastungsbetrag können bei einem Pflegegrad 4 in Anspruch genommen werden.
Wann wird Pflegegrad 4 zugesprochen?  Der folgende Ratgeber klärt auf.

Wann wird Pflegegrad 4 zugesprochen? Der folgende Ratgeber klärt auf.

Der Pflegegrad 4 ist die zweithöchste Einstufung einer Pflegebedürftigkeit im neunen fünfstufigen System. Sie wurde mit dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz 2017 eingeführt und ermöglicht Pflegebedürftigen, Leistungen aus der Pflegeversicherung zu beziehen. Wie bei einem Pflegegrad 4 die Voraussetzungen aussehen, ist gesetzlich bestimmt.

Pflegegrad-Rechner (unverbindliche Einschätzung)

Was ist der Pflegegrad 4?

Ein Pflegegrad 4 ist mit Demenz oder körperlichen Beeinträchtigungen möglich.

Ein Pflegegrad 4 ist mit Demenz oder körperlichen Beeinträchtigungen möglich.

Im Zuge des Zweiten Pflegestärkungsgesetzes wurden zum 01.01.2017 die bisherigen drei Pflegestufen in fünf neue Pflegegrade umgewandelt und die entsprechenden Leistungen von der Pflegekasse angepasst. Inhaber einer Pflegestufe wurden automatisch in den nächst höheren Pflegegrad eingestuft – bei einer Demenz waren es in der Regel zwei Grade höher.

Hatten Pflegebedürftige zuvor die Pflegestufe 3 oder eine Pflegestufe 2 mit Demenz bzw. eingeschränkter Alltagskompetenz, wurden diese in einen Pflegegrad 4 umgewandelt. Rechtlich sind dieser Übergang sowie die Voraussetzungen für einen Pflegegrad in den §§ 14 und 15 Sozialgesetzbuch (SGB XI) Elftes Buch geregelt.

Der Pflegegrad 4 ist der zweithöchste im neuen System und wird dann vergeben, wenn schwerste Beeinträchtigungen in der Selbstständigkeit vorliegen. Bei einem Pflegegrad 4 ist der Zeitaufwand für die Pflege nicht mehr ausschlaggebend, sondern wie selbstständig Pflegebedürftige ihren Alltag bewältigen können. In der Regel wird auch von einem Pflegegrad 4 mit eingeschränkter Alltagskompetenz gesprochen.

Ein solcher Pflegegrad bringt bestimmte Leistungen aus der Pflegeversicherung mit sich. Dies können bei einem Pflegegrad 4 Pflegegeld, Kombileistungen sowie Pflegehilfsmittel und weitere Unterstützung in der Pflege sein. Die nachfolgende Tabelle führt auf, wie die gesetzlich festgelegten Leistungen bei den jeweiligen Pflegegraden aussehen:

PflegegradGrad der Pflegebe-
dürftigkeit
Pflegegeld im MonatEntlastungs-
leistungen
im Monat
1geringe Pflegebedürftig-
keit bzw. Beeinträch-
tigungen
kein Anspruch125 EUR
2erhebliche Beeinträchtigung der Selbstständigkeit316 EUR689 EUR
3schwere Beeinträch-
tigung der Selbstständigkeit
545 EUR1.298 EUR
4schwerste Beeinträch-
tigung der Selbstständigkeit
728 EUR1.612 EUR
5schwerste Beeinträch-
tigung,
besondere Anforderungen
an die
pflegerische Versorgung
901 EUR1.995 EUR
Um diese Leistungen erhalten zu können, muss ein Pflegegrad beantragt werden und der Antragsteller bestimmte Voraussetzungen erfüllen.

Pflegegrad 4: Welche Kriterien sind hier wichtig?

Pflegegrad 4: Zu den Kriterien zählt auch die Selbstständigkeit bei der Nahrungszubereitung bzw. -aufnahme.

Pflegegrad 4: Zu den Kriterien zählt auch die Selbstständigkeit bei der Nahrungszubereitung bzw. -aufnahme.

Neben den neuen Pflegegraden wurden auch die Begutachtungsmaßstäbe in Bezug auf die Pflegebedürftigkeit verändert. Antragsteller werden weiterhin vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) oder einer privaten Prüforganisation (bei einer privaten Pflegeversicherung) begutachtet. Doch nun geschieht dies anhand der Vorgaben vom „Neuen Begutachtungsassessment (NBA)“.

Sechs Kriterien spielen bei der Begutachtung eine entscheidende Rolle. In jedem dieser sechs Module wird die noch vorhandene Selbstständigkeit des Antragstellers geprüft und über die Vergabe von Punkten eingestuft. Am Ende werden die einzelnen Punkte unterschiedlich gewichtet und zu einem Endergebnis addiert.

Für einen Pflegegrad 4 ist eine Gesamtanzahl zwischen 70 und 90 Punkten notwendig. Nicht nur die körperlichen Einschränkungen stehen hierbei im Vordergrund, sondern auch die psychischen und kognitiven Beeinträchtigungen. Das heißt auch, dass ein Pflegegrad 4 nicht nur alten, körperlich gebrechlichen Personen zugesprochen werden kann. Auch psychisch Erkrankte und Personen mit Demenz oder einer geistigen Behinderung können diesen erhalten. Zudem ist ein Pflegegrad 4 auch bei Kindern möglich.

Die sechs Module der Begutachtung

Zu den Modulen, die bei einer Begutachtung herangezogen werden, gehören die Mobilität, kognitive und kommunikative Fähigkeiten, psychische Probleme oder Verhaltensweisen, die Fähigkeit zur Selbstversorgung sowie die Bewältigung krankheits- bzw. therapiebedingter Anforderungen und die selbstständige Gestaltung des Alltags.

Bei der Begutachtung der Mobilität stehen unter anderem Punkte wie das selbstständige Aufstehen, Gehen, Stehen, Umsetzen oder auch ein Positionswechsel im Mittelpunkt. Die zeitliche und örtliche Orientierung sowie die Fähigkeit, an Gesprächen teilzunehmen und Anforderungen zu verstehen, werden im Modul „kognitive und kommunikative Fähigkeiten“ geprüft.

Ein weiteres Kriterium beim Pflegegrad 4 ist die Mobilität.

Ein weiteres Kriterium beim Pflegegrad 4 ist die Mobilität.

Bei den Verhaltensweisen und psychischen Problemen spielen z. B. Angstzustände, Zwangsverhalten, Unruhe oder auch Aggressionen sowie Sinnestäuschungen eine bedeutende Rolle. Auch wie Betroffene mit diesen umgehen wird beurteilt. Im Modul „Selbstversorgung“ steht im Vordergrund, wie selbstständig Antragsteller bei der Körperpflege, dem Anziehen sowie bei der Nahrungsaufnahme sind. Auch ob das Kochen und Einkaufen noch möglich sind und wie viel Unterstützung dabei benötigt wird.

Bei der Bewältigung von therapie- oder krankheitsbedingten Anforderungen zählt beispielsweise wie viel Unterstützung Betroffene bei der Medikamenteneinnahme, Injektion, der Wundversorgung, Arztbesuchen oder auch bei der Verabreichung von Sondenkost bzw. der Versorgung eines Stomas benötigen. Auch die selbstständige Gestaltung des Alltags fließt bei der Begutachtung mit ein. Hier zählt unter anderem inwieweit Personen in der Lage sind, Kontakte zu pflegen, sich selbst zu beschäftigen oder den Tagesablauf zu planen bzw. zu gestalten.

Bevor es jedoch zu einer Begutachtung für einen Pflegegrad 4 kommt, muss dieser, wie bereits erwähnt, beantragt werden.

Antrag auf Pflegegrad 4

Ein Antrag für einen Pflegegrad ist bei der zuständigen Krankenkasse bzw. bei der privaten Pflegeversicherung einzureichen. Dies kann im ersten Schritt formlos per Brief, E-Mail oder Telefon erfolgen. Der Antrag kann durch den Pflegebedürftigen, einen Bevollmächtigten oder einen gesetzlichen Betreuer gestellt werden.

Einen Pflegegrad 4 beantragen können Betroffene z. B. bei ihrer Krankenkasse.

Einen Pflegegrad 4 beantragen können Betroffene z. B. bei ihrer Krankenkasse.

Wichtig zu wissen ist hier, dass bei einer telefonischen Antragstellung oder wenn nicht alle notwendigen Informationen per Brief oder E-Mail übermittelt wurden, die Krankenkassen in der Regel ein Antragsformular zuschicken. Dieses muss dann ausgefüllt und unterschrieben an die Kassen zurückgesandt werden.

Der Antrag wird durch die Krankenkasse an die zuständige Pflegekasse weitergeleitet, welche diesen dann bearbeitet und die Begutachtung zu einem Pflegegrad 4 veranlasst. Üblicherweise kündigt sich der Gutachter beim Antragsteller an, führt die Begutachtung vor Ort durch und fertigt das Gutachten. Diese dient dann als Grundlage für die Entscheidung der Pflegekasse.

Ist ein Widerspruch möglich?

Im Falle, dass Antragsteller mit dem Ergebnis der Begutachtung nicht einverstanden sind, besteht innerhalb von vier Wochen die Möglichkeit, Widerspruch gegen den Bescheid bzw. das Gutachten einzulegen. Dieser muss schriftlich erfolgen und an die Kasse gerichtet sein, die den Bescheid erstellt hat.

Die Kasse prüft nach Eingang eines Widerspruchs, ob dieser berechtigt ist oder abgelehnt werden kann. Ist der Widerspruch zulässig, werden dann die Gründe für den zuvor ergangenen Bescheid nochmals überprüft und gegebenenfalls eine zweite Begutachtung veranlasst.

Ergibt sich aus der zweiten Begutachtung das gleiche Ergebnis wie aus der ersten, lohnt sich ein weiterer Widerspruch in der Regel nicht. In einem solchen Fall ist es empfehlenswert, einen Anwalt zu konsultieren. Kommt das zweite Gutachten jedoch zu einem anderen Ergebnis, können Betroffene meist auch mit der Erteilung von einem Pflegegrad 4 sowie der Geldleistung rechnen.

Pflegegrad 4: Welche Leistungen werden gewährt?

Die Leistungen beim Pflegegrad 4 sind gesetzlich festgelegt.

Die Leistungen beim Pflegegrad 4 sind gesetzlich festgelegt.

Welche Leistungen bei einem Pflegegrad 4 bewilligt werden, ist zum einen gesetzlich festgelegt und hängt zum anderen auch davon ab, für was sich Betroffene entscheiden. So ist das Pflegegeld bei einem Pflegegrad 4 genauso möglich wie Pflegesachleistungen oder eine Kombination aus beidem.

Zudem werden Pflegehilfsmittel genehmigt sowie auch Zuschüsse zu Umbauten. Darüber hinaus haben Pflegebedürftige mit einem Pflegegrad 4 Anspruch auf Verhinderungspflege, wenn die pflegenden Personen erkrankt oder verreist sind. Welche Leistungen Pflegebedürftigen genau zustehen, erläutern die nachfolgenden Abschnitte dieses Ratgebers.

Geldleistungen

Werden Pflegebedürftige durch Angehörige, Bekannte oder Freunde zu Hause gepflegt und betreut, steht ihnen bei einem Pflegegrad 4 ein Pflegegeld in Höhe von 728 Euro monatlich zu. Dieses wird jedoch nur dann gezahlt, wenn die Pflege tatsächlich nur durch diese genannten Personen stattfindet.

Wird ein professioneller Pflegedienst beauftragt, handelt es sich um sogenannte Pflegesach­leistungen. Bei einem Pflegegrad 4 wird die häusliche Pflege durch einen Pflegedienst mit 1.612 Euro pro Monat unterstützt. Zu diesen Pflegesachleistungen zählen neben der Pflege auch die Betreuung sowie die Hilfe bei der Haushaltsführung.

Pflegegrad 4 und Kombinationsleistungen?

Wird die Pflege beim Pflegegrad 4 ambulant durch einen Pflegedienst geleistet, gibt es Pflegesachleistungen.

Wird die Pflege beim Pflegegrad 4 ambulant durch einen Pflegedienst geleistet, gibt es Pflegesachleistungen.

Wird die Pflege zwischen Angehörigen und dem Pflegedienst aufgeteilt, kann bei einem Pflegegrad 4 auch eine Kombileistung in Anspruch genommen werden.

Hier erhalten alle Beteiligten das Pflegegeld bzw. die Pflegesachleistungen anteilig. Die jeweiligen Leistungen bemessen sich dann danach, wer wie viel der Pflegeleistung übernimmt. Das kann je nach Einzelfall verschieden sein.

Pflegegrad 4: Werden Heimkosten übernommen?

Die stationäre Pflege ist auch bei einem Pflegegrad 4 oft ein Thema. Sind Pflegebedürftige in einem Heim untergebracht, erhalten sie für die Pflege und Betreuung 1.775 Euro im Monat. Allerdings sind hier tatsächlich nur die Kosten der Pflege abgedeckt.

Die Kosten der Unterbringung und den „einrichtungseinheitlichen Eigenanteil“ (EEE) müssen die Bewohner des Heims selbst tragen. Hinzukommen auch die Kosten für die Verpflegung sowie für individuelle Angebote des Heims. Das heißt, dass auch bei einem Pflegegrad 4 ein Eigenanteil auf die Betroffenen zukommt. Dieser kann je nach Einrichtung unterschiedlich hoch ausfallen.

Weitere Leistungen bei einem Pflegegrad 4

Neben den bereits genannten Leistungen können Pflegebedürftige oft auch weitere Unterstützungen in Anspruch nehmen. So ist bei einem Pflegegrad 4 ein Entlastungsbetrag in Höhe von 125 Euro pro Monat genauso möglich wie ein Zuschuss zum Ausbau von Wohnungen oder für eine Kurzeitpflege in einer Einrichtung.

Geschieht die Pflege bei einem Pflegegrad 4 stationär, werden nur die Pflegekosten von der Kasse gezahlt.

Geschieht die Pflege bei einem Pflegegrad 4 stationär, werden nur die Pflegekosten von der Kasse gezahlt.

Der Entlastungsbetrag kann beispielsweise dazu verwendet werden, einen Alltagsbegleiter oder einen Besuchsdienst zu beauftragen. Ist eine Kurzzeitpflege beispielsweise nach einem Krankenhausaufenthalt notwendig, kann diese für 28 Tage im Jahr mit maximal 1.612 Euro bezuschusst werden.

Wird bei Krankheit oder Urlaub keine Verhinderungspflege genutzt, kann bei einem Pflegegrad 4 eine Kurzzeitpflege sogar bis zu acht Wochen mit 3.224 Euro unterstützt werden. Ebenfalls möglich ist eine Kombination aus Verhinderungs- und Kurzzeitpflege. Während der Kurzzeitpflege wird zudem die Hälfte des Pflegegeldes, also 364 Euro im Monat, ausgezahlt.

Ebenfalls möglich bei einem Pflegegrad 4 sind Zuschüsse für eine Tages- oder Nachtpflege. Diese können monatlich bis zu 1.612 Euro betragen und werden nicht mehr auf das Pflegegeld angerechnet. Darüber hinaus zahlen die Pflegekassen Unterstützungen für Pflegehilfsmittel wie Verbandsmaterial, Desinfektionsmittel, Bettschutzeinlagen oder Handschuhe. Diese Pauschale beträgt monatlich 40 Euro. Auch technische Hilfsmittel wie ein Hausnotruf oder ein Treppenlift werden pauschal unterstützt.

Für den Umbau bzw. die Anpassung des Wohnraums an die Bedürfnisse des Pflegebedürftigen, wie der Ausbau der Dusche, barrierefreie Wohnung oder der Einbau eines Treppenlifts, kann auch bei einem Pflegegrad 4 ein Zuschuss in Höhe von bis zu 4.000 Euro einmalig von der Pflegekasse genehmigt werden. Die Pflegekasse trägt zudem auch die Kosten einer Beratung für Pflegebedürftige mit Pflegegrad 4 und bietet gemäß § 45 SGB XI kostenlose Pflegekurse für Angehörige und ehrenamtliche Helfer an.

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