Wie wirkt sich der Pflichtteil auf das Erbe aus?

Pflichtteil: Das sollten Sie wissen!

Pflichtteilsverzicht

Kurz und knapp

  1. Selbst wenn Sie Angehörige oder Ehegatten enterben, haben diese noch einen Anspruch auf einen sogenannten Pflichtteil am Erbe.
  2. Für diesen wird die Hälfte des gesetzlichen Erbteils veranschlagt.
  3. Als Pflichtteilsberechtigter müssen Sie Ihren Anspruch gegenüber den Erben geltend machen.
  4. Bei schweren Verstößen oder Straftaten ist auch eine Entziehung des Pflichtteils möglich.
Wie hoch ist der Pflichtteil beim Erben? Die Antwort dazu liefert der nachfolgende Ratgeber.

Wie hoch ist der Pflichtteil beim Erben? Die Antwort dazu liefert der nachfolgende Ratgeber.

Nicht immer herrscht in einer Familie nur Harmonie, sodass es vorkommen kann, dass sich selbst nahe Angehörige entfremden. Möchten Sie verhindern, dass eine solche Person aufgrund der gesetzlichen Erbfolge im Erbfall einen Teil Ihres Nachlasses erhält, müssen Sie diese durch eine Verfügung von Todes wegen verändern. Allerdings gehen Kinder oder Ehegatten selbst in diesem Fall nicht vollkommen leer aus, denn der Gesetzgeber räumt ihnen einen Pflichtteil ein.

Wann besteht ein Anspruch auf einen Pflichtteil vom Erbe?

Ein Anspruch auf den Pflichtteil besteht für Geschwister nicht.

Ein Anspruch auf den Pflichtteil besteht für Geschwister nicht.

Durch das Aufsetzen eines Testaments können Sie die gesetzliche Erbfolge nach Ihren Wünschen abändern und zugleich entscheiden, wer welchen Vermögenswert bei Eintritt des Erbfalls erhalten soll. Aber diese Testierfreiheit kann auch teilweise eingeschränkt werden, denn bestimmten Personen steht ein gesetzlicher Pflichtteil am Erbe – auch als Pflichtteilsanspruch bezeichnet – zu.

Zwar wird die Erbfolge durch den Pflichtteil nicht verändert und auch die in der Verfügung von Todes wegen bestimmten Erben bleiben weiterhin bestehen. Allerdings können Pflichtteilsberechtigte einen Anspruch gegenüber den Erben geltend machen, denn der Pflichtteil steht ihnen trotz bestehendem Testament zu.

Der Anspruch auf den Erbpflichtteil erstreckt sich dabei nicht auf bestimmte Gegenstände aus der Erbmasse. Denn beim Pflichtteil am Erbe handelt es sich um einen finanziellen Anspruch, dessen Höhe aus der Pflichtteilsquote am Nachlass ermittelt wird.

Das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) beinhaltet die grundlegenden Regelungen und Vorschriften zum Erbrecht. Auch der Pflichtteil beim Erbe wird darin ab § 2303 BGB im Detail betrachtet.

Wer ist pflichtteilsberechtigt?

Anspruch auf einen Pflichtteil am Erbe haben grundsätzlich nur die Abkömmlinge, die Eltern sowie der Ehegatte bzw. eingetragenen Lebenspartner des Erblassers. Der Begriff „Abkömmlinge“ fasst dabei dessen Kinder, Enkel, Urenkel usw. zusammen.

Damit diese Angehörigen ihren Pflichtteil der Erbschaft einfordern können, müssen sie zuvor durch ein Testament oder einen Erbvertrag von der gesetzlichen Erbfolge ausgeschlossen sein. Sie können also erst nach dem Enterben einen Pflichtteil am Erbe beanspruchen.

Wann ein Erbe den Pflichtteil verlangen kann, ist in § 2303 BGB wie folgt definiert:

  1. Ist ein Abkömmling des Erblassers durch Verfügung von Todes wegen von der Erbfolge ausgeschlossen, so kann er von dem Erben den Pflichtteil verlangen. […]
  2. Das gleiche Recht steht den Eltern und dem Ehegatten des Erblassers zu, wenn sie durch Verfügung von Todes wegen von der Erbfolge ausgeschlossen sind.

Im Erbschein wird der Anspruch am Pflichteil eines Erbes nicht aufgeführt und auch das Nachlassgericht spricht Ihnen den entsprechenden Anteil nicht automatisch zu. Daher müssen Sie diesen von den Erben einfordern.

Enterbung durch Erbvertrag oder Testament – der Pflichtteil am Erbe besteht dennoch

Trotz Enterbung im Testament erhalten Kinder laut Erbrecht einen Pflichtteil.

Trotz Enterbung im Testament erhalten Kinder laut Erbrecht einen Pflichtteil.

Für eine Enterbung kann es verschiedenste Beweggründe geben: Streitigkeiten in der Familie, die Unzufriedenheit mit dem Lebenswandel der eigenen Kinder oder das strafrechtlich auffällige Verhalten eines Angehörigen.

Möchten Sie wegen eines solchen Grunds die Erbschaft auf den Pflichtteil begrenzen, müssen Sie dies explizit in einer Verfügung von Todes wegen bestimmen.

Eine Enterbung der gemeinsamen Kinder kann auch im Rahmen eines Berliner Testaments erfoglen. Denn in diesem Fall wird der hinterbliebene Ehegatte als Alleinerbe benannt. Allerdings steht in diesem Fall vor allem die Absicherung des länger lebenden Ehegatten im Vordergrund.

Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn das gemeinsame Vermögen der Eheleute hauptsächlich aus einer selbst genutzten Immobilie besteht. Wird bei einem solchen Szenario der Pflichtteil am Erbe durch ein Kind gefordert, kann dies dazu führen, dass das Haus verkauft werden muss.

Daher enthält ein Berliner Testament nicht selten eine sogenannte „Pflichtteilsverwirkungsklausel“. Diese führt dazu, dass ein Schlusserbe, welcher beim ersten Erbfall den Pflichtteil fordert, auch nur diesen beim zweiten Erbfall erhält. Durch eine solche Klausel kann die Forderung des Pflichtteils mit erheblichen finanziellen Einbußen für den Schlusserben einhergehen.

Wie lässt sich beim Pflichtteil die Höhe berechnen?

Der gesetzliche Erbteil dient als Basis für die Berechnung vom Pflichtteil.

Der gesetzliche Erbteil dient als Basis für die Berechnung vom Pflichtteil.

Beim Pflichtteilsanspruch handelt es sich um einen reinen Geldanspruch. Ihnen steht daher keine andere Teilhabe am Nachlass zu.

Der Nachlasswert wird zum Todestag des Erblassers ermittelt. Dabei werden vom bestehenden Vermögen des Erblassers – auch als Aktiva bezeichnet – mögliche Nachlassverbind­lichkeiten (Passiva) wie Schulden oder die Beerdigungskosten abgezogen.

Wie hoch der Pflichtteil am Erbe ausfällt, hängt grundsätzlich vom verwandtschaftlichen Verhältnis und dem ehelichen Güterstand ab. Denn für die Berechnung vom Pflichtteil wird die Hälfte des Wertes des gesetzlichen Erbteils gemäß §§ 1922-1934 BGB veranschlagt.

Die Berechnung für die Höhe des Pflichtteils basiert demnach auf der gesetzlichen Erbfolgeordnung. Wonach Ehegatten sowie nahe Abkömmlinge bevorzugt werden und entfernte Verwandte erst pflichtteilsberechtig sind, wenn keine Angehörigen der höheren Ordnung mehr vorhanden sind. Ein Anspruch auf den Pflichtteil besteht für Enkel also erst, wenn deren Eltern nicht länger am Leben sind.

Dabei wird generell von dem gesetzlichen Erbteil ausgegangen, den Sie erhalten hätten, wenn keine Enterbung stattgefunden hätte.

Pflichtteilsquote bei enterbten Ehegatten

Wer erhält vom Erbe einen Pflichtteil? Ein Kind oder der Ehegatte haben Anspruch.

Wer erhält vom Erbe einen Pflichtteil? Ein Kind oder der Ehegatte haben Anspruch.

Die Pflichtteilsquote bei enterbten Ehegatten ist abhängig vom ehelichen Güterstand – also Zugewinngemeinschaft, Gütertrennung oder Gütergemeinschaft – ebenso wie den noch lebenden Verwandten des Erblassers.

Haben die Ehegatten keine Vereinbarungen zum Güterstand in einem Ehevertrag getroffen, gilt der gesetzliche Güterstand der Zugewinngemein­schaft. In diesem Fall beträgt der gesetzliche Erbteil – unabhängig von der Anzahl der Kinder – ein Viertel, sodass sich der ein Anspruch auf den Pflichtteil am Erbe auf ein Achtel des Nachlasswertes beläuft. Darüber hinaus kann der enterbte Ehegatte unter Umständen den Zugewinnausgleich geltend machen. Dies ist dann der Fall, wenn der Erblasser einen höheren Zugewinn erzielt hat als der überlebende Ehegatte.

Vereinbaren die Eheleute in einem Ehevertrag, dass sie ihr wesentliches Vermögen als Gesamtgut verwalten, liegt der Güterstand der Gütergemeinschaft vor. In diesem Fall steht dem enterbten Ehegatten ein Achtel als Pflichtteil am Erbe zu, wohingegen sich alle Kinder drei Achtel teilen müssen. Deren Quote wird somit durch die Anzahl der Abkömmlinge bestimmt.

Bei der Gütertrennung werden die Vermögenswerte der Eheleute grundsätzlich getrennt voneinander betrachtet. Welchen Pflichtteil ein Ehegatte beanspruchen kann, hängt dabei von der Anzahl der Kinder ab. Einen Überblick liefert die nachfolgende Tabelle:

Anzahl der KinderPflichtanteil des EhegattenPflichtanteil je Kind
11/41/4
21/61/6
31/81/8

Pflichtteil am Erbe einfordern – Enterbte müssen aktiv werden!

Haben Sie Anspruch auf einen Pflichtteil, müssen Sie diesen aktiv gegenüber den Erben geltend machen. Versäumen Sie dies, kann der Fall eintreten, dass beim Pflichtteil die Verjährung eintritt.

Als Pflichtteilsberechtigter können Sie gemäß § 2314 BGB von den Erben umfangreiche Auskünfte zum Nachlass einfordern. Diese sind daraufhin dazu verpflichtet, Ihnen ein vollständiges Verzeichnis aller Nachlassgegenstände vorzulegen. Zudem besteht die Möglichkeit, einen Sachverständigen für die Wertermittlung hinzuzuziehen. Die dadurch entstehenden Kosten, welche im Zuge des Auskunftsrechts anfallen, sind von den Erben aus dem Nachlass zu zahlen.

In der Regel ist es sinnvoll, den Pflichtteil am Erbe in schriftlicher Form einzufordern. Wie ein solches Schreiben aussehen könnte, zeigt das nachfolgende Muster:

[Absender]

[Adresse des Erben]

[Ort, Datum]

Betreff: Pflichtteilansprüche in der Nachlasssache [Name des Erblassers]

Sehr geehrte/r Frau/Herr [Name des Erben],

laut dem Testament/Erbvertrag vom xx.xx.xxxx wurden Sie als Alleinerbe bestimmt. Trotz meiner Enterbung stehen mir Pflichtteilsansprüche zu, welche ich gegenüber Ihnen als Erbe geltend mache. Daher fordere ich Sie schriftlich auf, mir bis zu xx.xx.xxxx ein Nachlassverzeichnis zu übermitteln. In diesem Verzeichnis sind sämtliche Vermögenswerte des Erblassers sowie ggf. bestehende Passiva aufzulisten.

Darüber hinaus erbitte ich eine Auflistung aller Schenkungen und Zuwendungen, welche der Erblasser an Sie oder dritte Personen zu Lebzeiten getätigt hat. Die Angaben sind durch Unterlagen und Quittungen zu belegen.

Zur Ermittlung des Nachlasswertes fordere ich Sie zudem auf, sämtliche zum Nachlass gehörenden Grundstücke, Immobilien, Unternehmensbeteiligungen und Kraftfahrzeuge ebenfalls bis zum xx.xx.xxxx inklusive entsprechender Schätzwerte aufzulisten.

Den Anspruch, die Nachlassgegenstände durch einen Sachverständigen bewerten zu lassen, behalte ich mir ausdrücklich vor.

Abschließend mache ich hiermit meinen Pflichtteil geltend und fordere Sie auf, diesen Anspruch ebenfalls bis zum xx.xx.xxxx anzuerkennen sowie den sich aus dem Nachlassverzeichnis ergebenden Pflichtteil auf des nachfolgende Konto zu überweisen: [Kontoverbindung]

Mit freundlichen Grüßen

[Unterschrift]

Zeigen sich die Erben trotz schriftlicher Aufforderung unkooperativ, können Sie den Pflichtteil auch einklagen. Zuständig für den Auskunftsanspruch, den Wertermittlungsanspruch und den Zahlungsanspruch ist allerdings nicht das Nachlassgericht, sondern in der Regel das Landgericht.

Verjährung beim Pflichtteilsanspruch

Die Verjährung beim Pflichtteilsanspruch tritt ein, wenn Sie diesen nicht rechtzeitig anmelden.

Die Verjährung beim Pflichtteilsanspruch tritt ein, wenn Sie diesen nicht rechtzeitig anmelden.

Der Anspruch auf den Pflichtteil am Erbe ist zeitlich beschränkt. Fordern Sie diesen nicht rechtzeitig ein, kann dies dazu führen, dass beim Pflichtteilsanspruch die Verjährung eintritt.

Die Frist für die Verjährung beläuft sich auf drei Jahre. Allerdings beginnt diese erst zum Ende des Kalenderjahres, in welchem der Anspruch entstanden ist und der Berechtigte von diesen Umständen Kenntnis erhalten hat.

Die Gesetzgebung geht aktuell davon aus, dass eine solche Kenntnis erst dann besteht, wenn der Pflichtteilsberechtigte vom Nachlassgericht das Protokoll der Testamentseröffnung inklusive Testamentsabschrift erhält. Denn in der Regel sind der Inhalt eines Testamentes und somit auch eine mögliche Enterbung bis zum Zeitpunkt der Eröffnung geheim bzw. auf einen kleinen Personenkreis beschränkt.

Erfährt eine Person nicht von seinem Anspruch auf den Pflichtteil an einem Erbe, verjährt dieser spätestens dreißig Jahre nach dem Erbfall.

Wann ist eine Entziehung des Pflichtteils möglich?

Unter bestimmten Voraussetzungen kann der Erblasser einem Abkömmling den Pflichtteil am Erbe entziehen. Gemäß § 2333 BGB können folgende Handlungen gegenüber dem Erblasser oder dessen Angehörigen bzw. nahestehenden Personen zur Entziehung des Pflichtteils führen:

Begehen Pflichtteilsberechtigte eine Straftat, kann dies eine Entziehung des Pflichtteils nach sich ziehen.

Begehen Pflichtteilsberechtigte eine Straftat, kann dies eine Entziehung des Pflichtteils nach sich ziehen.

  • Ernsthafte Absicht den Tod des Erblassers herbeizuführen bzw. die Planung einer solchen Tat.
  • Verbrechen oder schweres Vergehen, welches sich gegen den Erblasser richtet.
  • Böswillige Verletzung der gesetzlich bestehenden Unterhaltspflicht.
  • Rechtskräftige Verurteilung wegen einer vorsätzlichen Straftat zu einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr ohne Bewährung.

Damit eine Entziehung des Pflichtteils wegen einer Verurteilung möglich ist, muss es dem Erblasser unzumutbar sein, den Verurteilten an seinem Nachlass zu beteiligen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Straftat den persönlichen Wertvorstellungen in einem hohen Maße widerspricht.

Verzicht auf den Pflichtteil am Erbe

Bei einem Pflichtteilsverzicht handelt es sich um eine vertragliche Vereinbarung zwischen dem Erblasser und einer Person, die Anspruch auf den Pflichtteil am Erbe hat. Durch diesen Vertrag gibt der Pflichtteilsberechtigte seinen Anspruch am Pflichtteil auf, behält aber weiterhin alle Rechte als gesetzlicher Erbe.

Damit ein solches Dokument gemäß § 2346 BGB auch rechtsgültig ist, bedarf dieses einer Beurkundung durch einen Notar. Nicht selten erfolgt die Abgabe des Verzichts im Ausgleich für eine Abfindung.

Für einen Pflichtteilsverzicht gibt es verschiedenste Beweggründe. Nicht selten beruht eine solche Vereinbarung auf dem Wunsch des Erblassers, welcher dadurch zu verhindern versucht, dass der Nachlass im Erbfall zerteilt wird. Dies ist meist dann der Fall, wenn es sich beim Nachlass um ein Haus oder eine Firma handelt.
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3 thoughts on “Wie wirkt sich der Pflichtteil auf das Erbe aus?

  1. Karl

    Sehr schön verständlich für einen Rechtslaien geschrieben.
    Verstehe aber noch nicht warum die 3-jährige Verjährungsfrist (Ende des Jahres der Kenntnis von der Enterbung) beim Pflichtteilsanspruch erst nach dem Beginn des Anspruches (Erbfall) beginnt.
    Kann der Pflichtteilberechtigte demnach seinen Anspruch schon vor Beginn der Verjährungsfrist geltend machen? Und wenn ja, was steckt dahinter

    Reply
    1. familienrecht.net

      Hallo Karl,

      die Geltendmachung des Pflichtteilsanspruches kann bereits mit Kenntnis des Anpsruches nach dem Erbfall erfolgen. Die regelmäßige Verjährung bürgerlichen Rechts beginnt jedoch stets erst zum Ende des betreffenden Jahres.

      Ihr familienrecht.net-Team

      Reply
  2. Laura

    Die Grundteilung ist immer ein schwieriges Thema. Eine Freundin von mir und ihre Schwester haben ein Grundstück geerbt und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Danke für die hilfreichen Infos zum Thema Pflichtteil. Das wird ihr sicherlich weiterhelfen.

    Reply

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